Mittel-/Südamerika,  Reisetagebuch

Santiago

Couchsurfing in Santiago!

Vorweg haben wir eine (für uns) sehr traurige Neuigkeit: Unser absolutes Highlight, der Torres del Paine Nationalpark im chilenischen Teil Patagoniens, fällt für uns leider aus. Eigentlich wollten wir drei Tage in Santiago verbringen und im Anschluss nach Punto Arenas, Patagonien, fliegen. Der Flug ist bereits seit einiger Zeit gebucht, den Rest (v.a. die Reservierungen der Campingplätze im Nationalpark) wollten wir vor Ort erledigen. Glücklicherweise checkten wir dann aber doch noch via E-Mail die drei Anbieter der Campingplätze ab und erhielten traurige Nachrichten: Bis März ist der Laden komplett ausgebucht! In Patagonien beginnt ab November die Hochsaison, dennoch hatten wir einen solchen Ansturm nicht erwartet. Ohne Reservierungen kann man den fünftägigen Trek im Nationalpark jedoch nicht machen. Theoretisch könnte man sein Glück vor Ort trotzdem versuchen, dabei wäre das Risiko jedoch sehr groß, leer auszugehen. Da die Preise in Patagonien noch einmal ein ganzes Stück über dem eh schon teuren Durchschnitt in Chile liegen, entschieden wir uns dagegen und müssen so schweren Herzens Patagonien auslassen.

Lange Rede kurzer Sinn: Santiago ist bereits unsere letzte Station in Chile, nicht einmal zwei Wochen sollte unser Aufenthalt in diesem wahnsinnig schönen Land dauern.

Wir wählten, wie auch schon auf dem Hinweg, wieder einmal den Fernbus, dieser brachte uns in weniger als zwei Stunden vom kleinen Valparaiso in das riesige Santiago. Mit über 5 Millionen Einwohnern (bzw. über 7 Millionen in der Metropolregion) ist Santiago in etwa so groß wie Berlin und Hamburg zusammen, also unvorstellbar groß. Fast jeder zweite Chilene lebt in Santiago oder im direkten Umfeld.

Unser Zuhause:

Wie die Überschrift bereits verrät probierten wir in Santiago eine neue Form der Unterkunft aus, das Couchsurfen. Über die Plattform couchsurfing.com bieten Menschen dabei Plätze in ihrem Gästezimmer oder ihrer Couch an – ohne Gegenleistung. Auf den ersten Blick erscheint dies vielleicht ein wenig komisch, doch eigentlich ist es die wahrscheinlich beste Art der Unterkunft. Zum einen lernt man so am einfachsten neue, einheimische Leute und deren Kultur kennen, außerdem bekommt man so auch einen ganz anderen Eindruck von Städten, abseits des klassischen Tourismus. Ein netter Nebeneffekt: Couchsurfing ist gratis und daher besonders für die klamme Reisekasse geeignet.

Da wir jedoch keinerlei Erfahrung hatten, blieben wir bei unserer Premiere ziemlich in unserer Komfortzone und quartierten uns bei Jan aus Köln und seinem Mitbewohner Tim aus Hamburg ein. Natürlich widerspricht dies ein wenig dem Sinn der Geschichte, dennoch kam uns eine gemeinsame Muttersprache ziemlich entgegen.

Die WG der beiden, welche als Erzieher in einer deutschen Vorschule arbeiten, war nur wenige Gehminuten von der Metrostation entfernt und lag in einer ruhigen, fast schon luxuriösen Wohngegend. Das Wohnhaus besaß einen eigenen Portier sowie einen großen Pool und erinnerte uns daher im ersten Moment an ein Hotel. Die Wohnung selber besaß einen coolen Balkon, auf welchem wir auch quasi alle Mahlzeiten einnahmen. Wir schliefen auf dem Sofa im Wohnzimmer, welches für die vier Nächte auch völlig in Ordnung war.

Wir fühlten uns direkt wie bei Freunden und wurden sehr herzlich aufgenommen, den ersten Abend verbrachten wir bspw. zusammen zum Grillen und Bier trinken auf dem Balkon. Am Samstagabend veranstaltete Jan eine kleine Party, und so landeten wir zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in einer Disco. Allgemein verbrachten wir relativ viel Zeit mit Jan, für uns eine willkommene Abwechslung.

Apropos Disco: Für uns war es das erste Mal seit langer Zeit, in Südamerika sogar unser erstes Mal überhaupt. Wie eigentlich in allen Belangen ist auch das Feiern in Chile klassischerweise ein wenig später, so schlugen wir erst gegen 02:45 Uhr am Club auf. Dort brachte uns ein Freud von Jan, welcher gebürtiger Kroate ist und dort beim Militär arbeitete, an der Schlange vorbei in den Club. Er arbeitet jetzt wohl in Santiago als Waffenhändler (zumindest hat Jan uns dies so erklärt) und hatte dementsprechende Kontakte..

Der Club unterscheidet sich eigentlich gar nicht großartig von einem deutschen Club (zumindest in der Stadt, Spohle ist dann doch ein ganzes Stück anders), mit einer Ausnahme: Statt Schlager und Co. gab es hier eher rhythmischen Reggaeton auf die Ohren, für die steife deutsche Hüfte erstmal ein wenig überfordernd. Wir waren absolut nüchtern unterwegs (noch eine Premiere!), eigentlich hätte es hier aber mehrere Promille gebraucht.

Natürlich sticht man mit Marcels Größe in Südamerika noch ein wenig weiter aus der Menge heraus, sodass ein Brasilianer auf uns aufmerksam wurde und uns gleich als Deutsche identifizierte. Zunächst präsentierte er uns den Bundesadler, welchen er sich auf die gesamte Brust tätowiert hatte, im Anschluss gab es noch den Hitlergruß. Wir waren schockiert und sprachlos, mehr als ein ‘Nein, Nein!’ brachten wir nicht über die Lippen. Unsere chilenischen Freunde (welche fast alle deutsch waren) entschuldigten sich mehrfach bei uns, scheinbar haben hier einige die deutsche Geschichte nicht verstanden und verstehen den Gruß als Witz/Belustigung.

Sicherlich ist dies nicht typisch für Südamerika, doch Jan und Tim erklärten uns, dass dies hier durchaus vorkommen könne.

Was es zu sehen gab:

Santiago ist die bisher modernste (Haupt)stadt auf unserer Reise, die meiste Zeit hätten wir uns gut und gerne auch in Europa befinden können. Richtiges Südamerika-Flair kam zwar kaum auf, dennoch waren wir bspw. über die sehr gute Infrastruktur (bspw. mit der modernsten Metro Lateinamerikas) echt froh.

Santa Lucia:

Im Zentrum Santiagos befindet sich der Cerro (Hügel) ‘Santa Lucia’, auf welchem zunächst zur Zeit der spanischen Eroberung zwei Schutzbatterien errichtet wurden. In Vorbereitung auf den 100. Geburtstag der chilenischen Republik wurden diese aus Schönheitsgründen um weitere Bauten erweitert, heute zählt der Cerro Santa Lucia als Nationalmonument Chiles.

Von der Spitze hat man einen netten Ausblick über die Innenstadt Santiagos.

Plaza de Armas:

Herzstück der Innenstadt Santiagos bildet wieder einmal die ‘Plaza de Armas’. Im Zentrum befindet sich ein kleiner Brunnen, ansonsten besteht der Platz v.a. aus vielen Sitzmöglichkeiten und vielen Beeten (natürlich inklusive zahlreicher Palmen). Jan erklärte uns später, das dieser Platz eher mit gemischten Gefühlen zu sehen ist, u.a. bieten sich hier z.B. Prostituierte an. Wir bekamen davon vor Ort jedoch nichts mit.

An der Plaza befindet sich natürlich auch die Kathedrale von Santiago, außerdem liegt dort bspw. das Nationalhistorische Museum.

Das gelbe Haus ist das Nationalhistorische Museum
Die Kathedrale von Santiago

La Moneda:

Früher war ‘La Moneda’ die chilenische Münzprägeanstalt (daher auch der Name, la moneda = die Münze), heute beheimatet es den chilenischen Präsidenten. 1973 fand hier der Putsch gegen den berühmten ehemaligen chilenischen Präsidenten Salvador Allende statt.

Übrigens hängt hier die größte chilenische Flagge der Welt!

Cementerio General:

Sicherlich keine ganz übliche Sehenswürdigkeit, in Santiago lohnt sich dennoch ein Besuch des Friedhofs ‘Cementerio General’. Auf dem riesigen Areal befinden sich unzählige Mausoleen oder hohe Wände (leider kennen wir die genaue Bezeichnung nicht), in welchen viele Urnen in kleinen Einzelkabinen bestattet sind.

Auf diesem Friedhof sind viele bekannte Personen begraben, allen voran die meisten ehemaligen chilenischen Präsidenten. Mit dem Grab von Erich Honecker befindet sich hier jedoch auch ein Stück deutscher Zeitgeschichte. Uns fielen doch auffällig viele Gräber mit deutschen Namen auf, scheinbar scheint Chile ein beliebtes Ziel für deutsche Auswanderer (gewesen) zu sein.

Bellavista:

Das Szeneviertel Santiagos ist sicherlich Bellavista, in welchem sich viele Bars und hippe Cafes befinden. Wir sind eher keine Cafegänger, dennoch ließen wir uns einen kurzen Spaziergang durch das belebte Viertel natürlich nicht nehmen.

Estadio Nacional Julio Martínez Prádanos:

Natürlich fehlte in Chile bisher noch ein Fußballspiel, glücklicherweise standen gleich zwei Erstligaspiele (diese sollten allerdings gleichzeitig stattfinden) an. Der größte Verein des Landes, Club Universidad de Chile, trägt seine Heimspiele im Estadio Nacional Julio Martínez Prádanos aus, dieses fasst ca. 50.000 Zuschauer.

Ohne sich groß Gedanken zu machen fuhr Marcel also am Sonntag zum Stadion, bei dem Zuschauerschnitt sollten Karten an der Tageskasse eigentlich kein Problem sein. Vor Ort gab es jedoch den Schock: Keine Tageskasse! Anscheinend müssen die Karten hier im Vorfeld gekauft werden, inkl. aller Ausweisdaten. Er versuchte zwar noch, die nette Dame am Einlass auf Spanisch zu bequatschen, leider jedoch ohne Erfolg. Während aus dem Stadion laute Gesänge zu hören waren (stimmungstechnisch wäre dies definitiv das Highlight bisher gewesen), ging es für ihn also wieder nach Hause. Bereits zum zweiten Mail in diesem Jahr sahen wir ein Stadion nur von außen (siehe Interrail – Warschau), was ein beschissenes Gefühl!

 

 

Santiago ist eine ziemlich moderne südamerikanische Großstadt und sicherlich ein Muss auf jeder Chilereise. Aufgrund des größten Flughafen des Landes lässt sich Santiago wahrscheinlich eh nicht verhindern, unserer Meinung nach taugt Santiago jedoch auch als Reiseziel. Gerade durch das Couchsurfen hatten wir eine richtig schöne Zeit dort, welche jedoch (wie bereits erwähnt) nicht mit dem Flug nach Patagonien endet. Stattdessen geht es bereits jetzt nach Argentinien, das schöne Mendoza erwartet uns. 

Milly & Marcel

Wir sind Milly und Marcel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.